Schmerzfrei gebären mithilfe der Louwen-Diät?!
- Leonie Meil
- 24. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. März
Viele Frauen möchten während der Schwangerschaft alles tun, um sich und ihrem Baby die bestmögliche Entwicklung zu ermöglichen. Neben einer gesunden Lebensweise und ausreichender Bewegung rückt auch die Ernährung immer mehr in den Fokus. Eine Ernährungsweise, die dabei zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt, ist die sogenannte Louwen-Diät. Entwickelt von dem Geburtsmediziner Dr. Franz Louwen, basiert sie auf der Idee, dass bestimmte Lebensmittel einen negativen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben können. Doch was steckt wirklich dahinter, und welche Erfahrungen haben Frauen damit gemacht?

Was ist die Louwen-Diät?
Dr. Louwen stellte fest, dass das Voranschreiten der Geburt, der Geburtstermin und die Intensität der Wehenschmerzen durch die Nahrungsaufnahme in den letzten Schwangerschaftswochen beeinflusst werden können. Der Schlüssel liegt im Hormonhaushalt: Insulin, das immer dann ausgeschüttet wird, wenn wir Kohlenhydrate essen, dockt an denselben Rezeptoren an wie die Geburtshormone (Prostaglandine). Diese Hormone sind essenziell für das Erweichen des Gebärmutterhalses und das Einsetzen der Wehen. Ein hoher Insulinspiegel blockiere also die Wirkung der Prostaglandine, was die Geburt erschweren und hinauszögern könne.
Um den natürlichen Geburtsprozess optimal zu unterstützen, empfiehlt Dr. Louwen daher, ab der 32. bis 34. Schwangerschaftswoche auf Industriezucker und Weißmehl zu verzichten. Dadurch werde die Insulinausschüttung reduziert, und die Prostaglandine können ungehindert wirken.
Erfahrungsberichte der von mir befragten Frauen
Frauen aus meinem Bekanntenkreis, die die Louwen-Diät ausprobiert haben, berichten jedoch von unterschiedlichen Erfahrungen. Während einige keinerlei Auswirkungen auf den Geburtsverlauf wahrgenommen haben, fühlten sich andere insgesamt fitter und nahmen in den letzten Wochen weniger zu. Eine Frau berichteten zudem von einer Reduktion von Wassereinlagerungen. Natürlich ist es schwer, anhand von Erfahrungsberichten von einer Hand voll Frauen, Aussagen über die tatsächliche Wirkung dieser Ernährungsweise zu treffen. Dennoch war es mir wichtig, diese in meinen Beitrag miteinzubeziehen. Denn wie du gleich lesen wirst, ist auch die wissenschaftliche Evidenz dahinter mehr als dürftig.
Wissenschaftliche Studienlage
Bislang gibt es keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit der Louwen-Diät am Menschen. Die Empfehlungen basieren sozusagen nur auf Beobachtungen. Allerdings wurden positive Effekte einer ähnlichen Ernährung bei Pferden und Schafen festgestellt (Fowden, 1994).
Eine Meta-Analyse untersuchte die Auswirkungen von Diäten mit einem niedrigen glykämischen Index (GI) während der Schwangerschaft auf die Gesundheit von Mutter und Kind.
Die Ergebnisse:
Die mütterliche Gewichtszunahme während der Schwangerschaft war geringer, aber nicht signifikant.
Das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes war reduziert (niedrigere Nüchtern- und postprandiale Blutzuckerwerte).
Die Rate an Makrosomie (Geburtsgewicht > 4 kg) war geringer, aber nicht signifikant.
Der Anteil an überdurchschnittlich großen Babys war geringer (bezogen auf das Gestationsalter).
Es gab keine signifikanten Auswirkungen auf Geburtskomplikationen.
(Quelle: Zhang et al., 2018)
Es kann also durchaus positive Effekte haben, sich blutzuckerfreundlich zu ernähren. Allerdings scheint es keine Auswirkungen auf die Geburt selbst zu haben.
Kritik an der Social-Media-Entwicklung
Auf Social Media verbreiten sich in letzter Zeit übertriebene Verbotslisten, was problematisch sein kann. Diese Listen basieren auf dem Glykämischen Index (GI), womit die Wirkung eines Lebensmittels auf den Blutzuckerspiegel bewertet werden kann. Der GI ist allerdings nicht immer aussagekräftig, da er nicht die übliche Verzehrsmenge miteinbezieht: Getränke lassen sich damit beispielsweise gar nicht bewerten, und einige Lebensmittel wie Milchschokolade schneiden aufgrund des hohen Fettgehalts (welcher die Verdauung verlangsamt und somit den Blutzucker langsamer ansteigen lässt) besser als gewisse Gemüsesorten ab, obwohl sie einen deutlich höheren Zuckeranteil hat. Zudem spielen Kombinationen von Nahrungsmitteln eine große Rolle – Kartoffeln beispielsweise haben zwar einen hohen GI, enthalten aber vergleichsweise wenig Kohlenhydrate und werden meist mit anderen Lebensmitteln im Rahmen einer Mahlzeit kombiniert. Somit fällt der Blutzuckeranstieg insgesamt langsamer aus, als wenn man die Kartoffel einfach nur so essen würde.
All diese Dinge sind zu berücksichtigen, wenn man die Wirkung eines Nahrungsmittels auf den Blutzuckerspiegel bewerten möchte. Man merkt also anhand dieser Empfehlungen, dass diese nicht von Fachpersonal stammen (so wie das meiste auf Social Media).
Empfehlungen für eine blutzuckerfreundliche Ernährung
Aber wenn der Glykämische Index nichts aussagt, worauf kann ich dann achten, wenn ich mich blutzuckerfreundlich ernähren möchte? Dazu möchte ich dir im Folgenden ein paar Tipps geben:
Regelmäßig essen (vermeide ständiges Zwischendurch-Snacken und nimm dir Zeit für deine Mahlzeiten; gleichzeitig solltest du aber auch Esspausen > 5 h vermeiden)
Kohlenhydrate (Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln) mit Ballaststoffen, Fett und Eiweiß kombinieren.
Vorzugsweise Vollkornprodukte konsumieren (nicht nur wegen des Blutzuckers, sondern auch wegene der Nährstoffe).
Obst essen statt trinken (2 Händevoll reichen dabei vollkommen aus).
Süßes direkt ans Mittagessen anschließen (evtl. Bitterschokolade bevorzugen).
Zuckerfreie Getränke wählen.
Regelmäßige Bewegung und aktiv bleiben (so gut wie es eben geht).

Auch hier gibt es Ausnahmen. Wenn du beispielsweise bis zum Ende der Schwangerschaft sportlich aktiv bist, dann ist ein Verdünnsaft/Fruchtsaft während des Trainings z.B. eine super Sache, da er schnelle Energie liefert. Und allgemein benötigst du dann mehr Kohlenhydrate, als wenn du wenig aktiv bist/sein kannst.
Gibt es Frauen, denen ich von der Louwen-Diät abraten würde?
An sich unterscheiden sich die Empfehlungen einer blutzuckerfreundlichen Ernährung nicht wirklich von einer allgemein gesunden Ernährung, weshalb man im ersten Moment jeder gesunden Schwangeren dazu raten kann, Ihre Ernährung bewusster und zuckerärmer zu gestalten.
Allerdings gibt es Ausnahmen: Wenn du zum Beispiel in der Vergangenheit eine Essstörung hattest und/oder aktuell eine ungesunde Beziehung zum Essen hast, würde ich dir von strikten Ernährungsregeln in der Schwangerschaft (und auch danach) abraten. Denn es soll für dich kein Stress dabei entstehen. Vielleicht wäre es gerade dann wichtig, deine Ernährung nochmal im Rahmen einer Psychotherapie und/oder diätologischen Beratung aufzuarbeiten.
Eine weitere Ausnahme stellt für mich auch die Hyperemesis gravidarum dar. Es gibt Frauen, die über die ersten Wochen hinaus noch mit täglichem Erbrechen und Übelkeit zu kämpfen haben. Die sind vielleicht einfach froh, wenn Sie ein Stück trockene Semmel oder etwas Saft bei sich behalten können. In diesem Fall würde es absolut keinen Sinn machen, auf Lebensmittel zusätzlich zu verzichten.
Du siehst also, dass hier einiges zu berücksichtigen ist. Deshalb finde ich pauschale Ernährungsempfehlungen (egal bei welchem Thema) immer etwas schwierig... In einer 1:1 Beratung befasse ich mich umfassend mit deinen Lebensumständen und kann dir somit gezielt Empfehlungen für deinen Alltag geben. Ohne dich und deine Ernährungssituation zu kennen, ist es hingegen schwer, konkrete Aussagen zu tätigen. Aus diesem Grund kannst du Ernährungsempfehlungen von anderen Fachpersonen (egal ob von Gynäkolog*innen, Hebammen, Physiotherapeut*innen etc.) ebenfalls kritisch betrachten. Sie sind bestimmt nett gemeint, aber in vielen Fällen nicht ausreichend valide für deine individuelle Situation. Wenn du dir also unsicher bist oder dir vorkommt, dass die eine oder andere Empfehlung für dich nicht passt, dann lass dich dazu unbedingt nochmal von einer Ernährungsfachkraft (in Österreich Diätolog*innen und Ernährungswissenschafter*innen) beraten.
Da es keine wissenschaftliche Belege für die Louwen-Diät gibt, möchte ich dir mitgeben, dass du kein schlechtes Gewissen haben musst, wenn du dich aktiv gegen diese Diät entscheidest oder es versuchst und daran scheiterst. Du bist deshalb bestimmt keine schlechtere Mama.
Take-Home-Message
Das Wichtigste ist, dass die Ernährung euch gut tut und nicht zusätzlichen Stress verursacht! Eine ausgewogene und bewusste Ernährung kann die Schwangerschaft positiv beeinflussen, sollte aber nicht zur Belastung werden.
Dieser Blogbeitrag soll keinen Ersatz für eine diätologische Beratung darstellen und nur als allgemeine Information dienen. Bei konkreten Fragestellungen rund um deine Schwangerschaft konsultiere bitte deine Gynäkologin, Hebamme oder in Ernährungsfragen deine Diätologin.
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